Ein Jahr danach

Bild von Astrid
Erschienen im Kölner Stadt-Anzeiger
und in der Kölnischen Rundschau am 22.12.2005

Es ist so ähnlich wie bei der Beerdigung: Ich hatte mich damals richtig davor gefürchtet und gedacht, dieser Tag wäre bestimmt der schlimmste von allen. Dann war er aber halb so schlimm, im Nachhinein betrachtet waren die Tage vorher viel schwieriger. Und nun also der erste Jahrestag von Astrids Tod, der 22.12.2005. Seit mehreren Wochen denke ich an diesen Tag und habe Angst davor, dass tiefe Depressionen kommen und ich zusammenbrechen könnte. So ist es aber nicht. Es ist vielmehr ganz einfach einer von mehreren Tagen, an denen die Erinnerung an Astrids letzte Tage wieder sehr präsent sind. Ich habe mir gestern und heute frei genommen, um Zeit für mich und meine Gedanken zu haben und mich bewusst mit dem zu beschäftigen, was da passiert ist. Natürlich kommen mir häufig die Tränen und natürlich bin ich sehr traurig. Aber es ist nicht so sehr viel anders als an vielen anderen Tagen in diesem Jahr. Höchstens etwas ausführlicher und intensiver. Zugleich spüre ich, dass dieser Jahrestag auch ein bißchen was befreiendes haben wird, denn ich habe jetzt schon ein ganzes Jahr ohne sie geschafft. Ich bin über das ganze Jahr mit den Gedanken und Erinnerungen „was war heute vor einem Jahr“ klar gekommen, sowohl mit den schönen Erinnerungen (z.B. unsere Urlaube und Festessen) als auch mit den schlimmen, wie z.B. den Erinnerungen an die Wochen, in denen es ihr in großem Tempo zunehmend schlechter ging. Ich glaube, ab jetzt wird es etwa einfacher – was nicht heißt, dass ich meine Erinnerungen verlieren will oder mich nicht mehr mit ihnen beschäftigen will.


Ja, wie war es, dieses erste Jahr ohne Astrid?


Ich habe versucht, dieses Gefühl in mein Lied Schöner mit Dir zu packen. Es gab in diesem Jahr durchaus einige schöne Erlebnisse: Ich habe eine schöne neue Wohnung gefunden und mit der großen Hilfe vieler Freunde hergerichtet. Ich habe mit einem gelungenen und größeren Fest den Einzug in diese Wohnung gefeiert. Ich hatte zwei schöne einwöchige Urlaub, eine Radtour an der Loire und einen Wanderuralub mit zwei Freunden auf Madeira. Ich habe nette Leute kennen gelernt. Ich war häufig mit Freunden aus essen (z.B. fast immer nach unserem Mittwochs-Joggen). Ich habe es geschafft, mir ein paar Regeln für gesundes Leben aufzustellen und diese tatsächlich auch zu befolgen. Es gab also vieles, wegen dem ich sagen könnte, dass das Jahr wirklich in Ordnung war. Und doch: Die letzten 12 Monate waren um so vieles ärmer als die 120 davor. Astrid fehlt mir an allen Ecken. Mir fehlen unsere gemeinsamen Frühstücke, das In-den-Sonntag-hinein-faulenzen, die Spaziergänge im Volksgarten, die Radtouren am Rhein, die gemeinsamen Gläser Wein auf unserer Terrasse, unsere gemeinsamen Essen, ganz einfach die tagtäglichen Gespräche und Umarmungen und so vieles mehr. Und doch weiß ich: Es war die letzten 12 Monate in Ordnung und so gut wie es eben sein konnte.


Ich glaube, dass ich in den letzten Monaten einiges richtig gemacht habe. Ich habe die Wohnung gewechselt, was ganz sicher befreiend war, denn die Rolandstrasse 86 war unsere gemeinsame Wohnung und ohne Astrid irgendwie komisch. Ich habe viel mit Freundinnen und Freunden über Astrid geredet und tue das auch heute noch gerne und viel. Ich habe in Bezug auf Astrid viel Kreatives gemacht, wie z.B. mit Musik hinterlegte Bildershows, das Lied Schöner mit Dir, Fotoalben für ihre Eltern, ihre Schwester, meine Eltern und mich oder die gesamten Internet-Seiten www.astridvetter.net. Ich habe ein schönes Ritual erfunden und bereits vier mal durchgeführt, nämlich Kochabende in Gedenken an Astrid, an denen ich mit Freundinnen oder Freunden ausgiebig aus ihren Kochbüchern koche und schlemme. Und ich habe mir professionelle Hilfe geholt, indem ich an einer Trauergruppe teilgenommen habe und auch heute noch regelmäßig an Gesprächsrunden „Selbst-Intervention in persönlichen Krisen“ teilnehme.


Ich weiß auch, dass ich viel von Astrid gelernt habe. Bewusst habe ich mir drei Dinge von Astrid abgeschaut, die ich heute und für alle Zukunft beherzigen möchte:


  1. Achtsam sein! Astrid hat ihre Umwelt sehr bewusst wahrgenommen, vieles gesehen, was anderen in der Hektik des Alltags verborgen bleibt. Sie war eine gute Zuhörerin und hat sich Zeit für ihr Gegenüber genommen. Sie war geduldig und gelasssen. Ich glaube, das war ihr Rezept, um mit ihrer schwierigen Situation nicht nur umgehen zu können, sondern das Leben wirklich zu genießen. Ich glaube, durch diese Einstellung hat sie in ihren 35 Jahren weit mehr erlebt als andere, die doppelt so alt oder älter werden. Leider erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich in Gesprächen daran denke, was ich heute noch alles erledigen muss und in Gedanken schon wieder an anderen Plätzen bin. Das Ergebnis sind unbefriedigende Gespräche und Hektik. Ich hoffe, dass Astrids Vorbild mir hier weiter hilft und mich auf einen guten Weg bringt.

  2. Optimistisch sein! Astrid hat fest daran geglaubt, dasss es für sie einen Weg gibt, die Krankheit zu besiegen und dass sie diesen Weg finden kann. Sie hat dies auch dann noch geglaubt, als es ihr nicht mehr gut ging. Und ich bin überzeugt, dass dies nicht nur ein Mantra war, dass sie sich immer wieder vorgesagt hat, sondern dass sie aus tiefstem Herzen daran geglaubt hat. Sie hat dauernd nach Möglichkeiten gesucht, wie sie selber etwas für ihr Gesundwerden tun kann und sich nicht resigniert in ihr Schicksal ergeben. Leider bin ich in den letzten Jahren eher ein Pessimist gewesen, der häufig Zweifel hat und nicht recht an den Erfolg einer Sache glauben kann. Aber: Ich arbeite weiter daran!

  3. Sich nicht vom gestrigen Ärger auffressen lassen, sondern nach vorne schaun! Astrid hat sich nicht lange mit den Fehlern und Unglücken beschäftigt, die vor ihrer Krankheit oder in den ersten Monaten der Krankheit passiert sind. Ich glaube, dass viele andere lange mit der schlimmen Fehl-Diagnose gehadert hätten, die Astrid mehr als ein ¾-Jahr vor ihrer Krankheit bekommen hatte und die ihre Gesundungschancen so sehr minimiert hat. Astrid war schlau genug, ihre Energien konsequent nach vorne zu richten und sich nicht über Gebühr mit Dingen zu beschäftigen, die zwar tragisch, aber eben auch nicht mehr zu ändern waren. Ich beobachte bei mir selber, dass ich Dinge nicht so schnell abhaken kann, sondern dass diese oft in mir weiter arbeiten und mich für Anderes und Kosntruktiveres blockieren. Aber auch hier helfen mir häufig die Gedanken an Astrid, um gewinnbringender mit meinen eigenen Problemen umgehen zu können.


Und so hoffe ich, dass ich ein bißchen wie Astrid sein oder werden kann und sie so ein Stück in mir und durch mich weiter lebt. Einige Tage nach Astrids Tod hat mir einer ihrer Ärzte im Gespräch (sinngemäß) gesagt: „Astrid hat durch einen Schicksalsschlag viel gelernt und sich sehr verändert. Jetzt überlegen Sie doch mal, was Sie aus Ihrem Schicksalsschlag lernen können!“ Dieses Gespräch hat mich lange beschäftigt und ich habe diese Frage bzw. Aufforderung sehr ernst genommen. Heute glaube ich wirklich, ich habe aus der ganzen Geschichte gelernt habe. Ich weiß, dass Astrid mich sehr geprägt hat und dass ich nie wieder so sein werde (und sein will) wie ich vor ihr und insbesondere vor ihrer Krankheit war.


Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei allen bedanken, die mir durch mein erstes Jahr ohne Astrid geholfen haben. Wenn in diesem Jahr eines wirklich toll war, dann das Gefühl, dass ich nicht alleine bin, sondern dass es viele Menschen gibt, die an mich denken, die mir helfen und mit mir über Astrid reden wollten. Ich durfte viel großartige Freundschaft erfahren. Das hat mir unendlich geholfen. Danke!


Köln, den 22.12.2005

Michael Ashauer