Astrids Krankheit

Im Grunde begann es im Februar 2001. Astrid fühlte eine Verhärtung in der linken Brust und ging damit zum Hausarzt, dem das verdächtig vorkam und der ihr daher eine Überweisung zum Frauenarzt gab. Sie ist bis dahin ihr Leben lang nur sehr selten zum Arzt gegangen, in den ersten sieben Jahren, die ich sie kannte, vielleicht zwei oder drei mal. Es hat sie also einige Überwindung gekostet, dorthin zu gehen. Der Arzt hat sie jedoch nicht ernst genommen, nur sehr oberflächlich und schnell behandelt und ihr gesagt, das sei nichts Ernstes, allenfalls eine Gewebeverhärtung, die mit einer Salbe behandelt werden kann. Er hat es nicht so gesagt, aber Astrid deutlich das Gefühl gegeben, sie sei ein wenig hysterisch - wenn Astrid eines nicht war, dann hysterisch. Wie dem auch sei, ich habe noch vor Augen, wie wir uns nach dem Arzttermin im Café Köln (in der Südstadt) getroffen und mit Sekt darauf angestoßen haben, dass kein Krebs festgestellt worden ist.

Im Dezember 2001 hatte Astrid dann Schmerzen in der Brust, zusätzlich in der linken Achselhöhle, die deutlich verhärtet war. Ihr Hausarzt hat wohl sofort geahnt, dass das etwas Schlimmes sein könnte, hat sich ans Telefon gehangen und direkt einen Termin für eine Mammografie vereinbart. Das Bild war so eindeutig, dass sich die Ärztin auch ohne Biopsie oder andere Untersuchungen mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen konnte, dass dies Krebs sei. Die Brust war stark "marmoriert". Seit der Behandlung beim Frauenarzt waren jetzt zehn Monate vergangen. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass ein Tumor etwa 80 Tage braucht, um sich in der Größe zu verdoppeln. Es ist bitter, sich auszumalen, wie viel höher Astrids Überlebenschancen gewesen wären, wenn sich der liebe Dr. M. im Februar 2001 etwas mehr Mühe gegeben und umfangreichere Untersuchungen eingeleitet hätte. Zehn Monate sind für Krebs ein verdammt lange, viel zu lange Zeit.

Ich erinnere mich, dass ich an diesem Vormittag einen dienstlichen Termin und daher mein Telefon umgestellt hatte. Astrids Anruf landete daher bei einer Kollegin, die mich aus dem Termin herausgeholt hat ("es ist wohl wichtig" o.ä.). Astrid sagte mir dann am Telefon, dass bei ihr Krebs festgestellt worden ist. Ich war erst einmal wie betäubt, bin aber natürlich sofort nach Hause gefahren. Zu Hause angekommen haben wir dann gemeinsam geweint. Es ist das einzige mal, an das ich mich erinnere, dass ich Astrid in den drei Jahren ihrer Krankheit habe weinen sehen. Natürlich haben wir zunächst darüber gesprochen, wie es denn jetzt weiter geht. Viel war da aber zunächst nicht zu besprechen, denn der Termin im Krankenhaus war schon für den kommenden oder übernächsten Tag (ganz genau weiß ich das nicht mehr) vereinbart worden. Wir haben dann versucht, uns ein wenig abzulenken. Ich weiß noch, dass wir an dem Nachmittag über den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt am Kölner Schokoladenmuseum spaziert sind und dass wir uns Abends mit zwei engen Freunden von Astrid in einem mexikanischen Restaurant getroffen haben.

Wenn ich es richtig auf die Reihe bekomme, war Astrid direkt nach der Mammografie noch zu ihrer Arbeit gefahren und hat dort ihren Schreibtisch aufgeräumt, wohl wissend, dass sie sobald nicht wieder zur Arbeit gehen konnte. Eine Freundin und Kollegin von Astrid erzählte mir kürzlich, dass sie diesen Vormittag noch vor Augen hat. Sie weiß noch, wie Astrid herzhaft in ein Käsebrötchen gebissen hat und zu ihr gesagt hat "Da muss schon etwas anderes kommen, um mir den Appetit zu verderben." Ein Stück weit war das bestimmt Galgenhumor, es deutet aber auch an, wie stark und tapfer diese kleine Frau war.

Die Ärztin, die die Mammografie vorgenommen hatte, empfahl Astrid auf Nachfrage das St. Elisabeth-Krankenhaus in Köln-Hohenlind. Die Aufnahme dort habe ich in angenehmer Erinnerung: Ein netter Stationsarzt hat sich die Zeit genommen, uns ausführlich zu erklären, welche OP bei Astrid wahrscheinlich ist und welche Optionen und Wahrscheinlichkeiten es gibt. Auch die Oberärztin, die dann auch die OP durchgeführt hat, wirkte nicht gehetzt und hat sich Zeit für uns genommen. Wir haben in den kommenden Jahren leider ganz andere und miese Erfahrungen mit Krankenhäusern gemacht (insb. über die Kölner Uniklinik könnte ich so einiges erzählen), die Aufnahme und Betreuung in Hohenlind war aber wirklich angenehm. Zunächst sind dann erst einmal einige weitere Untersuchungen gemacht worden, u.a. eine Stanz-Biopsie und eine Untersuchung von Knochen und inneren Organen auf Metastasen. Ein Hoffnungsschimmer: Metastasen wurden damals keine festgestellt. Noch vor Weihnachten, am 21.12.2001, wurde Astrid operiert. Ich erinnere mich noch, dass wir am Abend vor der Operation gegenüber des Krankenhauses in einer Pizzeria gewesen sind und auf einen erfolgreichen OP-Verlauf angestoßen haben. In dem Lokal sind wir dann noch häufiger gewesen, immer an den Vorabenden der Chemotherapie (für die ersten Chemos wurde Astrid jeweils am Vortag der Infusion stationär aufgenommen). Die Operation hat mehrere Stunden gedauert. Gut war, dass es gelang, Brust-erhaltend zu operieren, d.h. die Brust wurde nicht amputiert, sondern mit einem Silikon-Kissen und einem Rückenmuskel (daher eine lange Narbe von der Mitte des Rückens bis zur Seite der Brust) "gefüllt". Schlecht war, dass die Lymphknoten unter der Achsel auch bereits befallen waren; wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wurden 16 Lymphknoten entfernt. Dieser Lymphknotenbefall hat darauf hingedeutet, dass der Krebs bereits im Streuen begriffen war. Mir war damals nicht klar, dass man hier im Grunde schon von Metastasen sprechen musste, das ist mir erst bewusst geworden als ich nach Astrids Tod ihre gesamten medizinischen Unterlagen sortiert und abgeheftet habe.

Weihnachten und Silvester hat Astrid im Krankenhaus verbringen müssen, aber sie hat die OP gut verdaut und war recht schnell wieder auf den Beinen. Der Krankenhausaufenthalt mündete dann in die erste Chemotherapie, die Mitte Januar begann.

Die Ärzte hatten vorgeschlagen, zwei Chemotherapien (beide in 4 Zyklen, zwischen den Infusionen lagen jeweils drei Wochen Pause) durchzuführen. So wurde es dann auch gemacht. Die linke Achsel, in der ja Lymphknoten befallen waren, wurde zudem bestrahlt. Die Bestrahlung fand allerdings nicht im Krankenhaus statt, sondern, nachdem sie entlassen worden war, werktäglich und ambulant im strahlenmedizinischen Institut in der Kölner Innenstadt. Die Chemotherapien hat Astrid vergleichsweise gut weg gesteckt. Zwar begannen nach der zweiten oder dritten Infusion die Haare auszufallen und sie hat an den Tagen der Infusionen (und den darauf folgenden Nächten) auch durchaus mit Kotzerei zu tun gehabt, aber im Vergleich zu anderen Frauen, die sie während der Chemotherapie kennen gelernt hat und die auch zwischen den Infusionen heftig mit Übelkeit und Schwäche zu tun gehabt haben, hat sie sich jedes mal recht gut erholt und war ein paar Tage nach den Infusionen wieder auf den Beinen. Allerdings hat sie mit vielen Kleinigkeiten Pech gehabt. Die Ärzte hatten Schwierigkeiten, bei ihr Zugänge zu legen. Eine der ersten Infusionen ist daneben gelaufen und hat zu Schmerzen und Verhärtungen im Bereich des Handgelenks geführt, die noch Monate blieben. Daraufhin hat sie in einer ambulanten OP (am 23.01.2002) einen Port gelegt bekommen. Der hat zwar die folgenden Infusionen sehr erleichtert, jedoch war die OP nicht pannenfrei, sondern Astrid hatte über Wochen hinweg einen gewaltigen Bluterguß, wegen dem sie in ihren Bewegungen stark eingeschränkt war, insb. konnte sie den rechten Arm nicht heben. Daher hat sie in dieser Zeit Hilfe beim Waschen und Anziehen gebraucht. Bei diesen Pannen haben wir uns jeweils gesagt: "Na gut, bei den 'Kleinigkeiten' hat Astrid Pech, das ist ok so, wenn die 'großen' Behandlungen wie Brust-OP und Chemos gut laufen."

Astrid im Jahr 2002:
Im Frühjahr (während der ersten Chemo, mit Schutz vor beginnender Glatze), Pfingsten (zwischen erster und zweiter Chemo, Haare wachsen gerade nach) und im Sommer (nach der zweiten Chemo, wieder ohne Haare)

Astrid hat medizinisch gesehen wirklich das volle Programm "genossen": Zusätzlich zu Chemotherapie und Bestrahlung wurde auch frühzeitig mit einer Hormontherapie begonnen, da man davon ausging, dass der Tumor auf Östrogene reagierte. Daher wurde die körpereigene Östrogen-Produktion geblockt. Unangenehme Nebenwirkung hiervon: Astrid wurde in die Wechseljahre versetzt, was bekannterweise auch psychische Konsequenzen hat, was wiederum mit Medikamenten behandelt wurde. Diese Hormontherapie hat Astrid auch fast bis zum bitteren Ende durchgezogen.

Astrid hat von Anfang an viel über die Krankheit und mögliche Therapien gelesen, um zu verstehen, was die Ärzte ihr vorschlugen und um kritische Fragen stellen zu können. Zunächst war das Buch "Brustkrebs - Wissen gegen Angst" von Lilo Berg eine gute Informationsquelle. Sie hat aber auch nach alternativen Behandlungsmethoden recherchiert, so z.B. nach einer Lauftherapie, über die sie vor ihrer eigenen Krankheit etwas gelesen hatte. Sie hat sich auch früh über Möglichkeiten zur Stärkung des Immunsystems informiert und hier Beratungsgespräche in Anspruch genommen. Und sie ist recht schnell bei den Büchern von Carl Simonton gelandet, der mentale Methoden zur Unterstützung der Krankheitsbewältigung entwickelt hat ("Auf dem Wege der Besserung" und "Wieder gesund werden"). Sie hat dann recht früh angefangen, Visualisierungen in den Tagesablauf einzubauen. Bei diesen Visualisierungen geht es darum, sich bildlich vorzustellen, welche Prozesse im Körper ablaufen und den Glauben an diese zu stärken. In Astrids Visualisierungen spielte immer ein großer, schöner weißer Hund aus unserer Nachbarschaft eine wichtige Rolle. Dieser fraß in Astrids Körper die Krebszellen weg. Da er die Rolle der guten weißen Blutkörperchen übernahm, haben wir ihn fortan immer "Leuko" (wie bei Leukozyten, medizinischer Fachbegriff für weiße Blutkörperchen) genannt, auch wenn wir ihm im realen Leben begegneten (später erfuhren wir, dass er eine sie ist und eigentlich Sandy heißt; für uns blieb es aber immer Leuko).

Astrid hat auch nach weiteren medikamentösen Möglichkeiten gesucht und ist so auf das Medikament Herceptin gestoßen. Dieses wurde bislang recht erfolgreich gegen Metastasen eingesetzt. Astrid fand heraus, dass es eine Pilotstudie gab, durch die der Einsatz dieses Medikamentes bei Patienten getestet wurde, die noch keine Metastasen haben (die sog.. "Hera-Studie"). Es gelang ihr, an dieser Pilotstudie teilzunehmen. Leider musste sie hier nach einigen Monaten ausscheiden, als bei ihr nämlich die ersten Metastasen auftraten (s.u.). Ab dann nahm sie Herceptin regulär.

Auch wenn Astrid sich viel mit ihrer Krankheit beschäftigt und viel dazu gelesen hat, so hat sie doch nicht zugelassen, dass einzig die Krankheit ihr Leben bestimmt. Es gab auch in den ersten Monaten nach der OP und während bzw. zwischen der Chemos schöne Momente und Tage. So waren wir z.B. im Frühjahr 2002 für einige Tage im Landhotel Jammertal, einem ziemlich edlen Wellness-Hotel und haben es uns richtig gut gehen lassen, gefaulenzt und geschlemmt. Ich sehe Astrid noch vor mir auf einem Liegestuhl liegen, sie hatte (wegen der Chemo-Glatze) ein Piratentuch auf dem Kopf und hat im Simonton-Buch gelesen. Ich erinnere mich, dass sie dort die Buffets, insbesondere das große italienische Buffet, sehr geliebt hat (und deswegen in den Folgejahren wieder ins Jammertal wollte). Ich erinnere mich auch, dass wir Astrids 33. Geburtstag am 02.02.2002 schön gefeiert haben und Nachmittags viele Gäste hatten.

Gegen Ende des Frühjahres (ab dem 20. Mai 2002) hat Astrid dann auch wieder angefangen zu arbeiten. Sie hat das sog. "Hamburger Modell" genutzt, d.h. sie ist stundenweise und Schritt für Schritt wieder dem normalen Alltag näher gekommen.

Im Sommer 2002 hatten wir dann einen wunderschönen Urlaub. Er war dreigeteilt: In der ersten Woche waren wir mit meiner Familie (insgesamt waren wir 8 Erwachsene und 7 Kinder) am Millstädter See, für die zweite Woche sind wir zu zweit weiter nach Slowenien gefahren und in der dritten Woche waren wir dann in der Toskana. Es war ein toller Urlaub, an den ich viele schöne Erinnerungen habe und den auch Astrid sehr genossen hat. Ich glaube, die Toskana war immer ein Wunschziel von ihr gewesen. Allerdings: So toll der Urlaub war, so war es doch der richtige Urlaub zur falschen Zeit. Nach den vorangegangenen Monaten wäre es rückblickend sinnvoller gewesen, einen "Kurlaub" zu machen, mit ganz viel Ausruhen, am Strand liegen, Schlafen. Es wäre besser gewesen, für zwei bis drei Wochen an einen festen Ort zu fahren, anstatt mehrfach das Quartier zu wechseln. Leider war es auch so, dass Astrid in der dritten Woche eines Morgens nach einer Bewegung des Rückens Schmerzen hatte, die sie mehrere Tage begleiteten und die in den ersten Tagen auch eine starke Behinderung waren. Die Untersuchung zu Hause, die Ende Oktober 2002 erfolgte, ergab dann leider das unausgesprochen bereits Befürchtete: Sie hatte Knochenmetastasen an der Wirbelsäule.

Die folgenden Wochen brachten einige der unangenehmsten Erfahrungen mit Ärzten. Bei Astrid bestand für einige Tage der Verdacht, dass sie im Halswirbelbereich stark frakturgefährdet ist. Wäre so eine Fraktur passiert, hätte das eine Querschnittslähmung bedeutet, und zwar vom Hals an abwärts. Sie wurde zunächst in eine sportorthopädische Klinik überwiesen. Die Ärzte dort konnten den Befund zwar nicht klären, haben sich aber sehr korrekt verhalten, indem sie gleich für den nächsten Tag für Astrid einen Termin in der Uniklinik Köln vereinbarten, und zwar bei einem Professor, der als Kapazität für solche Probleme galt. Als Astrid sich dort am nächsten Tag meldete, wurde ihr mitgeteilt, dass der Professor heute gar nicht im Hause sei. Sie durfte dann immerhin warten, man wollte prüfen, ob eine Assistenzärztin sie behandeln könne. Während sie so da saß, kam eine ältere Dame an den Empfang und wurde kurze Zeit später vom Herrn Professor persönlich (- der ja laut Auskunft gar nicht im Haus war -) abgeholt. Das klingt ein bisschen wie ein schlechter Comic, ist aber wirklich passiert. Einige Zeit später hat sich dann eine junge, offensichtlich überlastete und hektische Ärztin um sie gekümmert. Sie ließ erneut ein Röntgenbild machen (obwohl das auch am Tag vorher in der sportorthopädischen Klinik gemacht wurde und Astrid es auch mit dabei hatte), einige Zeit später zeigte sie Astrid am Röntgenbild, dass im Bereich der Lendenwirbel alles in bester Ordnung war. Astrid wies darauf hin auf einen anderen Fleck auf dem Bild (im Halswirbelbereich) hin, den die Ärztin gar nicht bemerkt hatte. "Ach ja richtig, hmmm, da frage ich besser mal den Professor" (der ja eigentlich gar nicht im Haus war) - sprach's und verschwand aus der Tür. Einige Zeit später kam sie wieder herein gerauscht und verkündete, dass wirklich alles in Ordnung sei. Sehr vertrauenserweckend! Erst nachdem ein weiterer Orthopäde die Diagnose bestätigt hat, konnte Astrid wieder halbwegs beruhigt im Auto oder Zug mitfahren, vorher musste sie permanent Angst haben, dass eine Erschütterung (z.B. ein Auffahrunfall oder heftiges Bremsen) zu einer Fraktur führt.

Das klingt jetzt alles nach arger Meckerei über die Ärzte. Ich möchte hier betonen: Astrid hatte hervorragende Ärzte! Ihr Gynäkologe, zu dem sie gewechselt war, hat sich immer viel Zeit für sie genommen, er hat sogar öfters bei uns zu Hause angerufen, um sich von sich aus über Astrids Zustand zu erkundigen. Unser Hausarzt hat sich in Astrids letzten Wochen viel Zeit genommen, uns über weitere Möglichkeiten zu beraten und hat Astrid auch mehrfach zu Hause besucht. Zudem hatte sie einen Psychoonkologen, der ihr eine wirkliche Hilfe war. Allerdings haben spätestens die Erfahrungen in der Uniklinik gezeigt: Es ist wichtig, sich Ärzte seines Vertrauens zu suchen, nicht alles hinzunehmen, kritische Fragen zu stellen und, wenn die Chemie nicht stimmt, auch einmal den Arzt zu wechseln. Ärzte sind für Schwerkranke mit die wichtigsten Ansprechpartner und Bezugspersonen. Hier muss es unbedingt ein Vertrauensverhältnis geben. Viele Ärzte werden dem gerecht, viele aber auch leider nicht. Und: Das ist keine Frage unseres Gesundheitssystems, sondern der persönlichen Einstellungen der Ärzte.

Die Knochenmetastasen wurden dann erneut bestrahlt, was auch erfolgreich war. Bis zu ihrem Tod hat Astrid keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr mit Knochenmetastasen gehabt.

Es folgten einige Monate, in denen keine zusätzlichen Probleme auftraten. Wir gingen unserem normalen Leben nach, Astrid fühlte sich gut belastbar. Im Herbst 2002 fuhr Astrid das erste mal in Kur, war für vier Wochen auf Borkum. Die Ruhe, die Meerluft und die viele Bewegung haben ihr gut getan. Im Februar 2003 hat sie sich dann sogar - trotz Knochenmetastasen - getraut, einen Skiurlaub mitzumachen, was auch gut funktioniert hat.

Astrid im Winter 2003: schwer sportlich .....

Der große Einschnitt erfolgte dann im Mai 2003. Bei einer Routineuntersuchung wurden Metastasen in der Lunge und in der Leber festgestellt. Wir hatten noch gut eine Ärztin im Ohr, die seinerzeit bei den Knochenmetastasen zu Astrid gesagt hatte: "Das lässt sich gut behandeln, schlimm wäre es, wenn es Organmetastasen wären, denn dann läge die weitere Lebenserwartung bei durchschnittlich nur noch zwei Jahren." Jetzt war es also so weit und (zumindest bei mir) ging erst einmal sämtlicher Optimismus in die Brüche. Ich glaube, in diesen Tagen war ich relativ nahe am Nervenzusammenbruch - Astrid war übrigens (wie immer) deutlich gefasster als ich. Astrid hat dann entschieden, kurzfristig an einer Patientenarbeitswoche bei Dr. Carl Simonton teilzunehmen, die in der Woche stattfand, die auf die Diagnose folgte. Glücklicherweise konnte ich kurzfristig eine Woche frei nehmen und sie begleiten (bei diesen Patientenarbeitswochen ist die Teilnahme der Unterstützungsperson ausdrücklich erwünscht). Diese Arbeitswoche bezeichne ich rückwirkend als Initialzündung für Astrid.

Bei den Methoden, die Dr. Simonton empfiehlt und die in der Patientenarbeitswoche ausführlich erprobt wurden, geht es vor allem um Möglichkeiten, wie man durch Denken und Vorstellungskraft die Krankheit positiv beeinflussen kann und wie man wieder zu Hoffnung kommt. Die Patientenarbeitswoche kam für uns genau zur rechten Zeit: Wir sind schwer angeschlagen dorthin gefahren und konnten dort viel Kraft und Zuversicht auftanken.

Dr. Simonton arbeitet viel mit Visualisierungen. Dies war für Astrid der Ausgangspunkt für eine erstaunliche spiritiuelle Entwicklung. Von Visualisierungen ist es nur ein kleiner Schritt hin zu Meditationen, die Astrid schon bald regelmäßig durchführte. Sie holte sich hierzu weitere Anregungen, zunächst durch Literatur (- die z.T. von Dr. Simonton in der Arbeitswoche vorgestellt wurde, z.B. "Das Wunder der Achtsamkeit" von Thich Nhat Hanh -), später durch Besuche bei buddhistischen Lehrern. Sie fühlte sich zum Buddhismus hingezogen und war schließlich im Sommer 2004 kurz davor, einer buddhistischen Gemeinschaft beizutreten.

Was hat diese Hinwendung zu spirituellen Themen Astrid gebracht? Zum einen wurde sie dadurch viel ruhiger und gelassener. Vor allem aber führte sie seitdem ihr Leben sehr bewusst und achtsam, sie hat viel mehr wahrgenommen und dadurch viel mehr Schönes um sich herum gesehen als wir das alle tun. Und schließlich glaube ich, dass sie sich auch mit dem Sterben befasst hat und irgendwie gelang es ihr, diesem Thema den Schrecken zu nehmen.

Nach der Patientenarbeitswoche hat Astrid nicht nur angefangen zu meditieren, parallel dazu hat sie auch erneut eine Chemotherapie begonnen. Dieses mal war es eine sanftere Form, die täglich in Tablettenform eingenommen wurde (mit wochenweisen Pausen dazwischen) und weniger sichtbare Nebenwirkungen hatte. Mit Übelkeit hatte Astrid dieses mal nichts zu tun und auch die Haare fielen nicht mehr aus. Es haben sich allerdings andere Nebenwirkungen ergeben: Astrid machte das sog. Fatigue-Syndrom sehr zu schaffen, d.h. sie fühlte sich häufig müde und schlapp. Für mich war es fast schwerer, mit einer solchen Nebenwirkung umzugehen, da sie nicht sichtbar war, sondern sich in Astrids Inneren abspielte. Wahrscheinlich habe ich häufiger den Fehler gemacht, dieses Syndrom mit Trägheit zu verwechseln und habe Astrid dementsprechend falsch behandelt. Eine weitere Nebenwirkung: Sie hatte am großen Zeh eine Wunde, die trotz verschiedener Methoden nicht wieder verheilte. Dies gelang erst im Sommer 2004 wieder, nachdem Astrid die Chemo abgesetzt hatte. Trotz aller unangenehmer Nebenwirkungen: Die Kombination aus Chemo und Visualisierungen und Meditationen hatte Erfolg - bei der nächsten Untersuchung, im Spätsommer 2003, waren die Metastasen weg! Ich hatte zu dieser Zeit wieder großen Optimismus, dass alles gut enden könnte.

Auf das Fatigue-Syndrom hat Astrid reagiert, indem sie ihre tägliche Arbeitszeit reduziert hat. Gott sei Dank hatte sie einen super Arbeitgeber (der DEVK, insbesondere den Kollegen der Anwendungsentwicklung sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich gedankt), der sie in jeder Form unterstützt hat, so dass diese Arbeitszeitverkürzung kein großer Kampf war. Durch die Verkürzung hatte Astrid auch mehr Freiraum am Tag für Visualisierungen und Meditationen. Zudem hat sie sich mit Yoga beschäftigt und auch hier eine Zeit lang Übungen in den Tagesablauf integriert.

Im Oktober/November 2003 war Astrid dann erneut in Kur, dieses mal auf Föhr. Diese Kur hat ihr nicht nur sehr gut gefallen, sondern auch richtig gut getan. Sie hatte auch das Glück, dass ihr Aufenthalt, der ursprünglich nur für drei Wochen vorgesehen war, aufgrund ihres ausgeprägten Fatigue-Syndroms auf insgesamt fünf Wochen verlängert wurde.

Ab Herbst 2003 hat Astrid sich auch intensiv mit dem Thema Ernährung beschäftigt. Zwar hat sie sich bereits seit Ausbruch der Krankheit sehr um eine grundsätzlich gesunde Ernährung bemüht (wenig Fleisch, wenig Fett, viel Gemüse und Obst, fast ausschließlich Bio-Produkte), jetzt ging sie das aber noch konsequenter an. Seit dem 1.1.2004 hat sie konsequent auf Fleisch und Milchprodukte verzichtet. Ausschlaggebend für den Verzicht auf Milchprodukte war ein Buch, das ihr auf Föhr in die Hände fiel und demzufolge Milch und Milchprodukte Brustkrebs begünstigen. Im Laufe des Jahres hat Astrid dann, ausgelöst durch eine Ernährungsberatung und Kochkurse im Restaurant "Five seasons" in Köln, weitgehend nach den Regeln der 5-Elemente-Küche ernährt. Auch wenn ich dem zunächst skeptisch gegenüber stand (gut Essen gehen war immer eines unserer liebsten Hobbies und uns sehr wichtig gewesen): Ich habe dies nicht als gravierende Einschränkung empfunden. Diese Art der Küche ist mir nicht nur gut bekommen, sondern ist auch richtig lecker (und außerdem: wir sind weiterhin ab und an essen gegangen, Astrid hat immer Gerichte ohne Fleisch und Milchprodukte gefunden, insbesondere bei asiatischen Restaurants ist das gar kein Problem). Anders erging es mir bei der makrobiotischen Ernährung, auf die Astrid im Herbst 2004 übergehen wollte. Das hat sie nicht durchgehalten, ich halte diese Art der Ernährung auch (alle Makrobiotik-Anhänger mögen mir das bitte verzeihen) für genussfeindlich - und Suppe mit Algen zum Frühstück ist wirklich nicht lustig! Astrid hat ganz fest daran geglaubt, dass die Ernährungsumstellung ihr Schlüssel zum Gesundwerden ist.

Astrid & ich Weihnachten 2003:
Eine Zeit der Ruhe - auch, was ihre Krankheit anging

Nachdem zunächst die täglich einzunehmende Dosis verringert worden war, hat Astrid die Chemotherapie dann eingestellt; leider erinnere ich mich nicht mehr an den genauen Zeitpunkt. Ihr machte das Fatigue-Syndrom sehr zu schaffen, sie litt mehr darunter als ich und ihre Umgebung dies wahr haben konnten und wollten. In ihr reifte die Überzeugung, dass, wenn es für sie einen Weg zur Überwindung der Krankheit gibt, dieser nichts mit Chemotherapie zu tun hat, sondern dass er eher durch mentale Arbeit, geistigen Beistand und gesunde Ernährung zu erreichen ist. Das Ablehnen der Chemotherapie bedeutete nicht, dass sie medizinische Hilfe ablehnte. Vielmehr suchte sie nach neuen, anderen und verträglichen Wegen. Ein wichtiger Bestandteil ihres Kampfes gegen den Krebs wurden regelmäßige Behandlungen bei einem Arzt für traditionelle chinesische Medizin. Diese Behandlungen waren ihr eine wichtige Stütze, sie hat große Hoffnung hierauf gesetzt. Etwa ab Sommer 2004 reifte in Astrid zudem der Plan, zu einem Geistheiler zu reisen und dort nach Heilung zu suchen. Ihr großes Ziel war eine Reise nach Brasilien, zum dort ansässigen Geistheiler Joao de Deus.

Die nächste Hiobs-Botschaft kam dann im Juli 2004. Eine Routineuntersuchung ergab, dass die Metastasen in Leber und Lunge wieder aufgetaucht sind. Astrid reagierte darauf, indem sie sich in die Veramed-Klinik in Meschede (Sauerland) einweisen ließ, eine Klinik, die sich auf ganzheitliche Tumorbehandlung spezialisiert hat, d.h. die nicht nur medizinische Standards wie Chemotherapie oder Hormontherapie anbietet, sondern darüber hinaus auch die Stärkung des Immunsystems (z.B. durch Sauerstoffzufuhr) und alternative Methoden (biologische Krebsbekämpfung) im Programm hat. Mit dem dortigen Arzt verständigte sie sich darauf, zunächst keine weitere Chemotherapie in Angriff zu nehmen, sondern es erst einmal mit einer konsequenten Schonung (ab diesem Zeitpunkt arbeitete sie nicht mehr) und einer anderen Form der Hormontherapie zu versuchen. Außerdem nahm sie für einige Wochen ein Naturpräparat aus dem Regenwald namens Graviola, auf das sie bei Internetrecherchen stieß und von dem sie sich einiges versprach. Außer Magenbeschwerden, die nach einigen Wochen auftauchten, hat es ihr aber nichts gebracht.

Den Sommer über hatte Astrid keine Beschwerden. Sie nutzte den Tag für ausgiebige Visualisierungen, Meditationen, viel Bewegung (insbesondere Radtouren) und eine konsequent gesunde Ernährung - was sehr zeitaufwändig ist. Zudem recherchierte sie weiter nach Möglichkeiten, was sie für die Stabilisierung ihres Gesundheitszustandes tun könnte. Im Internet stieß sie dabei auf ein hoch konzentriertes Vitamin- und Nährstoffpräparat (Celagon Aurum), das sie bestellte und seitdem regelmäßig nahm. Es ging ihr gut in diesen Wochen und ich hatte durchaus das Gefühl, auf diesem Niveau könnte es noch Monate oder sogar Jahre weiter gehen. Aber dann ging alles rasend schell.

Sommer - September 2004:
Bilder aus Köln und Texel (rechtes Bild)

Im September 2004 ging es Astrid noch gut. Wir waren noch einmal für eine Woche auf Texel und verlebten einen durchweg heiteren und unbeschwerten Urlaub. Sie war noch so fit, dass ein- oder zweistündige Radtouren oder lange Spaziergänge durch die Nationalparks De Muy und De Slufter problemlos und gut gelaunt möglich waren. Im Anschluss an diesen Urlaub haben wir noch langfristige Zukunftspläne geschmiedet, z.B. den Kauf einer Eigentumswohnung. Am 15.09.2004 haben wir mit einem tollen Essen in Jan's Restaurant (Köln-Müngersdorf) unseren ersten Hochzeitstag gefeiert. Sie hat das Essen sehr genossen. Wir haben darauf angestoßen, noch viele weitere Hochzeitstage feiern zu können. Keiner von uns beiden verschwendete einen Gedanken daran, dass dies schon der letzte sein konnte. Rückblickend muss ich sagen, dass dieser September ein richtig schöner Monat für uns war, mit vielen schönen Erinnerungen und keinesfalls dominiert oder geprägt von Astrids Krankheit.

Auch in der ersten Oktoberhälfte ist sie noch guter Dinge und viel mit ihrem Fahrrad unterwegs. Ich meine mich aber zu erinnern, dass sie Mitte Oktober erstmals erwähnt, dass eine Ultraschalluntersuchung bei ihrem Gynäkologen ergeben hat, dass sich die Leber-Metastasen offensichtlich vergrößert haben und der Arzt darüber ratlos war, was jetzt noch getan werden könnte. Vom 18. - 20.10.2004 war ich auf einem Seminar in Nordhessen. Als ich zurück kam, fiel mir erstmals sehr deutlich auf, dass es Astrid schlechter ging. Sie berichtete mir, dass sie in den letzten Nächten schlecht geschlafen hatte, da sie Schmerzen im Rücken hatte, die von den Knochenmetastasen stammen könnten. Sie wirkte deutlich geschwächt. In den darauf folgenden Tagen fiel mir auf, dass sie zunehmend Probleme damit hatte, Strecken von mehr als 10 Minuten Länge mit dem Fahrrad zu schaffen und dass sie sich das ein oder andere mal übernahm.

Ende Oktober wird dann zunehmend sichtbarer, dass die durch die Metastasen verursachten Leberprobleme akut werden: Sie wird zunehmend gelber, außerdem immer müder und schlapper (ich habe irgendwo einmal gelesen: "Der Schmerz der Leber ist die Müdigkeit" - das scheint zu stimmen). Am 24.10. besuchten wir die Museumsinsel Hombroich (Neuss). Auch wenn der Ausflug schön war, verdeutlichte er eindringlich Astrids Probleme: Wir rasten auf fast jeder Parkbank, sie benötigt viele Pausen und hat nicht die Konzentration oder Kraft, sich die ausgestellten Kunstwerke wirklich anzuschauen. Am 28.10. findet in der Strahlenklinik eine Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) statt, die bestätigt, dass sich die Metastasen vermehrt haben und insbesondere die Leber stark betroffen ist. Noch am selben Nachmittag empfiehlt uns unser Hausarzt/Internist, Astrid in die Uniklinik einzuweisen, damit ein sog. ERCP durchgeführt wird. Im Rahmen dieser OP wird ein sog. "Stent" eingesetzt, der den zunehmend blockierten Abfluss von der Leber wieder herstellen kann. Da Astrid gerne in der darauf folgenden Woche nach Ibiza fliegen wollte, um dort eine 14-tägige Therapie beim Geistheiler Rolf Drevermann durchzuführen, stellte uns der Arzt, um die Behandlung zu beschleunigen, eine Noteinweisung aus.

Noch am selben Abend fahren wir in die Uniklinik, der Aufenthalt wird jedoch ein Desaster: Es dauert gut vier Stunden, bis für Astrid ein Bett gefunden wird. Die Wartezeit fällt ihr schwer. Man schickt uns zunächst in die Chirurgie, die mit solchen Eingriffen aber gar nichts zu tun hat und uns zurück in die Aufnahme schickt. Dort bemüht sich der diensthabende Anästhesist um uns, sorgt zumindest für eine Liege für Astrid und hängt sich ans Telefon. Schließlich findet er ein Bett in der Frauenklinik und schickt uns dorthin. Bei der Aufnahme dort wird Astrid gesagt, dass es bestimmt am nächsten Tag zu der Stent-OP kommen kann. Davon ist dann am nächsten Morgen keine Rede mehr. Ihr wird eröffnet, dass es so kurzfristige Termine höchstens für Patienten mit hohem Fieber gibt. Ihr wird ein ambulanter Termin am 3.11.04 verschafft. Am Nachmittag wird sie wieder entlassen, ohne dass in den 20 Stunden in der Uniklinik auch nur irgend etwas Sinnvolles passiert ist. Zu allem Überfluss gibt es auch noch ein Gespräch mit der Oberärztin, in dem sie Astrid vorwirft, dass sie sprunghaft und ohne erkennbaren Plan ist. Muss man einer Patientin, die zum einen geschwächt ist, zum anderen seit drei Jahren jedes medizinische Angebot der Ärzte angenommen hatte, so etwas vorwerfen? Es hat Astrid tief erschüttert.

Immerhin: Die ERCP verläuft erfolgreich, der Stent wird eingesetzt und Astrid beginnt sich zusehends zu entfärben. Sie beschließt, dass sie die 14-tägige Reise zu Rolf Drevermann antreten kann. Es gelingt mir, kurzfristig Flugtickets für sie zu kaufen. Am Sonntag, dem 07.11.2004, bringe ich Astrid in aller Herrgottsfrühe (ich glaube, wir sind um 4:00 Uhr aufgestanden) zum Düsseldorfer Flughafen. Sie ist geschwächt und benötigt häufige Sitzpausen, aber ist eigentlich ganz guter Dinge.

Dem Aufenthalt in Ibiza kann Astrid viele schöne Seiten abgewinnen. Das Hotel liegt traumhaft schön direkt am Meer, sie genießt den Blick vom Balkon über die Palmen und das Meer und das angenehme und schöne Wetter. Mir gelingt es, für die zweite Woche ihres Ibiza-Aufenthaltes unbezahlten Urlaub zu erhalten und sie zu begleiten. In dieser Woche haben wir drei Tage Luft, an denen wir mit einem Mietwagen die Insel erkunden. Es sind schöne Tage, die sie offensichtlich genießt. Ich bin froh, dass es mir gelang, diese Woche Urlaub zu bekommen, denn es waren unsere letzten gemeinsamen und unbeschwerten Urlaubstage - für mich um so wichtiger, da uns Urlaube und Reisen immer viel bedeutet haben. Mit Astrid zu verreisen, hat einfach ungeheuer viel Spaß gemacht. Am Sonntag, den 14.11.2004 entsteht ein Foto, das mir viel bedeutet und meinen Glauben stärkt, dass Astrid bis in ihre letzten Wochen hinein ein schönes und lebenswertes Leben hatte. Es zeigt Astrid am Strand, im starken Wind stehend. Für mich strahlt das Bild eine große Lebensfreude aus - dabei hatte sie zu diesem Zeitpunkt nur noch 5 ½ Wochen zu leben. Ich glaube, niemand sieht in diesem Bild eine schwer krebskranke und leidende Frau.

Ibiza im November 2004:
Die letzten heiteren Urlaubstage

Trotz dieser schönen Seiten zeigt der Ibiza-Aufenthalt auch, dass die Probleme zunehmen. Astrid schafft es nicht, die 15 Minuten vom Hotel in die Altstadt zu Fuß zu bewältigen. Wir lassen uns zwei mal mit dem Taxi in die Stadt bringen und machen dort ganz kleine Spaziergänge, die sie jedoch schnell an den Rand ihrer Kräfte bringen. Zudem hat sie in einigen Nächten Schmerzen, mal im Rücken, mal im Bereich, wo der Stent gelegt wurde, mal im Magen. Diese Schmerzen kann ihr Rolf Drevermann nur manchmal nehmen.

Zu Rolf Drevermann: Eigentlich war es ja Astrids Traum gewesen, nach Brasilien zu reisen, um dort den Geistheiler Joao de Deus in seinem Zentrum zu besuchen. Sie hatte diese Reise bereits mit ihrer Freundin Eva geplant, musste dann aber einsehen, dass sie für eine solch weite Reise zu schwach war. Auf der Suche nach einer näher gelegenen Alternative stieß sie auf Rolf Drevermann, der seit einigen Jahren auf Ibiza Patientenbehandlungen anbietet. Ich gebe zu, dass ich hier sehr skeptisch war, dass ich aber Astrid die Hoffnung nicht nehmen wollte und es toll fand, dass es überhaupt noch etwas gab, was ihr Hoffnung schenkte. Auf Ibiza habe ich meine Meinung geändert. Es gibt sicher viele Menschen, denen Rolf Drevermann bislang helfen konnte, auch in den 14 Tagen im November 2004 waren einige Patienten dabei, denen es am Ende der Behandlung ganz offensichtlich deutlich besser ging als zu Beginn. Sollte ich selber einmal schwer erkranken - ich würde Rolf Drevermann aufsuchen, nicht als Ersatz, aber wohl als Ergänzung für eine medizinische Behandlung.

Beim Thema "Geistheiler" haben wir bestimmt einige in unserem Freundes- und Verwandtenbereich verschreckt (wenngleich fast niemand offen sein Unverständnis hierüber geäußert hat). Ich glaube, dass die Inanspruchnahme dieser Hilfe vielen wie eine Verzweiflungstat vorkam und dass es die meisten lieber gesehen hätten, hätte sich Astrid noch einmal ins Krankenhaus begeben, um es z.B. noch einmal mit einer Chemotherapie zu versuchen. Hierbei muss man sich aber vor Augen gehalten: Astrid hat wirklich das komplette medizinische Programm in Anspruch genommen: Sie hat im Laufe der drei Jahre ihrer Krankheit drei verschiedene Chemotherapien gemacht, sie hat zwei mal Bestrahlungen bekommen, sie hat die gesamte Zeit über eine Hormontherapie gemacht, sie hat begleitende Medikamente genommen, sie hat auch alternative medizinische Therapien (Misteltherapie, Graviola) versucht - und dennoch schritt die Krankheit unerbittlich voran: im Dezember 2001 die Diagnose, im Herbst 2002 die Knochenmetastasen, im Frühjahr 2003 die Organmetastasen, ab Sommer 2004 das erneute und vermehrte Auftreten der Metastasen. Wer kann es Astrid verdenken, dass sie langsam den Glauben daran verlor, dass ihr traditionelle medizinische Behandlungen eine Perspektive bringen? Wer kann es ihr verdenken, dass sie ihr Heil nun in anderen Methoden suchte, auch wenn sie auf den ersten Blick obskur wirken? Ich hatte und habe großen Respekt davor, dass Astrid bis zuletzt nach Möglichkeiten suchte, ihre Krankheit zu überwinden und bis zuletzt nie die Hoffnung aufgab, dass sie einen Weg findet, der ihr Heilung bringt. Dieser kleine Mensch (1 Meter 63 und ½, wobei Astrid immer das ½ betonte) hatte eine unglaubliche Kraft und einen gewaltigen Glauben.

Ach ja, zum Thema "Glauben": Rolf Drevermann konnte Astrid im medizinischen Sinne nicht mehr helfen, wohl aber in einem anderen Sinne: Astrid findet ihren Zugang zum Christentum. In ihren letzten Wochen treten Rosenkranzgebete an die Stelle der bisherigen Meditationen. Astrid konnte in kurzer Zeit einen großen Glauben aufbauen. Ich glaube, dass ihr dies beim Sterben eine wichtige Hilfe war. Als es so weit war, konnte Astrid sterben. Anders als viele andere jüngere Krebspatienten, die nicht loslassen können, ist Astrid schnell und plötzlich gestorben. Pfarrer Hans Mörter hat bei Astrids Beerdigung und im Vorbereitungsgespräch bei mir ein schönes Bild benutzt. Er verglich Sterben mit einem Sprung ins Ungewisse. Es ist, wie wenn man bei schlechter Sicht mit dem Rücken zu einer Schlucht steht und springen muss, ohne zu wissen, was danach passiert. Man benötigt Vertrauen, dass da jemand ist, der einen auffängt. Und Astrid konnte springen.

Aber noch war es nicht so weit. Doch ab Anfang Dezember ging es jetzt sehr schnell bergab, man konnte dabei zuschauen, wie die Kräfte und ihre Möglichkeiten nach und nach schwanden. Gut deutlich wird es, wenn ich mir die vier Adventwochenenden vor Augen führe:

Was lag zwischen den Wochenenden?

Am 30.11. war sie das letzte mal bei der DEVK, hat an der Abteilungs-Weihnachtsfeier teilgenommen. Sie wurde von einem Kollegen zu Hause abgeholt und ich habe sie mit dem Auto wieder "eingesammelt". Hier war sie schon sehr geschwächt, ich glaube, auch ihre Kollegen waren erschrocken.
DEVK-Weihnachtsfeier 2004

Vom 15. - 17.12. war Astrid noch einmal im Krankenhaus (Uniklinik) gewesen. Ursprünglich sollte sie nur ambulant den Stent erneuert bekommen, da die Leberwerte wieder mies waren und sie wieder sehr gelb war. Wegen des schlechten Allgemeinzustands, insbesondere wegen der Aszitis, mit der sie sich seit 2-3 Wochen plagte (= Wassereinlagerung im Bauch; sie hatte einen prallen und gespannten Bauch, was sehr unangenehm war) wurde sie dann aber stationär aufgenommen. Wir hielten das für eine gute Idee, weil die Ärzte versuchen wollten, ihr durch eine Punktion (Ablassen des Wassers im Bauch) Erleichterung zu verschaffen. Nachdem der erste Versuch nicht funktioniert hat (es flossen lediglich rund 200-300 ml ab, der Arzt hatte zuvor gesagt, dass er mit rund 2 Liter rechnet), wurde das aber wieder aufgegeben. Überhaupt war der Aufenthalt in der Uniklinik (erneut) eine Katastrophe: Nicht nur dass die Punktion vorschnell aufgegeben wurde (am 2. Tag sagte der Arzt dann, dass das im Bauch wahrscheinlich gar kein Wasser wäre, sondern Luft - was unser Hausarzt/Internist später für sehr unwahrscheinlich hielt und eher davon ausging, dass die Stationsärzte zu unerfahren waren), auch die Pflege und Betreuung fand eigentlich nicht statt. Astrid blieb über zwei Tage ungewaschen, keine Schwester hat ihr Hilfe angeboten. Als ich sie am Freitag abgeholt habe, sprach mich die Schwester erstaunt an: "Ach, ist Ihre Frau noch hier?" Das Mittagessen stand noch im Zimmer - obwohl es später als 17 Uhr war.

Die letzten Tage war Astrid dann zu Hause. Auch wenn sie sehr schwach war, so war sie doch ganz guter Dinge und hat sich keineswegs aufgegeben. Ich weiß, dass wir noch am Nachmittag des 21.12. überlegt haben, was wir tun können, um ihren Zustand zu verbessern. Sie wollte es noch einmal mit Enzym-Präparaten versuchen (Wobe-Mugos, das sie im Frühjahr 2004 schon einmal eine Zeit lang genommen hat) und bat mich, diese in der Apotheke zu bestellen, was ich auch tat. Ich wollte sie dann am nächsten Tag abholen.

Dazu kam es aber nicht mehr. Astrid ist am Morgen des 22.12.2004, laut Totenschein um 6:40 Uhr, gestorben. Ich weiß, dass das unverständlich ist, wenn man sich die vorherigen Absätze über den Dezember 2004 durchliest, aber für mich kam es trotz allem völlig überraschend. Rückblickend weiß ich auch, dass ich in ihrer letzten Nacht hätte erkennen können, dass da etwas nicht stimmte. Aber ich habe das nicht so wahrgenommen (oder wahrnehmen wollen). Ein Stück weit lag das sicher auch daran, dass Astrid so unerschütterlich optimistisch war. Ein guter Freund hat mir am Tag nach dem Tod gesagt, dass es uns Astrid irgendwie einfach gemacht hat, da sie uns irgendwie mit ihrem Optimismus angesteckt hat. Selbst wenn man ihre Geistheiler-Hoffnungen nicht teilen konnte, so hat wohl niemand geglaubt, dass sie so schnell sterben könnte.

Ich habe erst etwa 10 - 15 Minuten vor ihrem Tod kapiert, was da gerade passiert oder passieren könnte. In meiner Hilflosigkeit habe ich dann schließlich den Notarzt gerufen - obwohl sie etwa 20 Minuten vorher, als sie noch bei Bewusstsein war, meine Frage, ob ich ihn rufen solle, verneint hat. Als ich die Sirenen des Notarztwagens gehört habe, bin ich zur Haustür gelaufen, um diese aufzuschließen und dem Fahrer des Wagens zu signalisieren, wo sie halten müssen. Es hat vielleicht zwei oder drei Minuten gedauert, bis ich, gemeinsam mit dem Arzt und den Sanitätern, wieder in der Wohnung war. In diesen Minuten ist Astrid gestorben. In ihrem letzten Moment war ich also nicht bei ihr.

Nach einem Blick auf die Krankengeschichte hat mir der Notarzt signalisiert, dass er Astrid nicht wieder beleben wollte. Ich habe dem zugestimmt. Ich glaube heute, dass das richtig war, obgleich ich so gerne noch einmal ein paar Stunden gehabt hätte, um Astrid noch ein paar Dinge zu sagen, sie noch einmal in den Arm zu nehmen und um mich von ihr richtig zu verabschieden. Aber das ist egoistisch gedacht, letztlich war es so wohl besser. Astrid ist zu Hause und vor allem schnell gestorben, ein langes und qualvolles Sterben ist ihr erspart geblieben. Außerdem hat sie, selbst in ihren letzten Wochen, nur wenig Schmerzen gehabt. Ich glaube, dass sie, verglichen mit vielen anderen Menschen, die an Krebs sterben müssen, schnell und unkompliziert gestorben ist.

Ich glaube, dass Astrid in ihrem Kampf gegen die Krankheit alles richtig gemacht hat. Sie hat alles probiert, von ganz "klassischen" medizinischen Methoden bis hin zur Behandlung beim Geistheiler. Und vor allem: Trotz allem Kampf gegen die Krankheit hat sie nie den Spaß am Leben verloren. Astrid hat gerne gelebt, gerade auch in den Jahren ihrer Krankheit, die sie sehr achtsam erlebt hat, und selbst noch in ihren letzten Wochen. Ich glaube, das gelingt nicht vielen Kranken.

Astrid ist in allem, was den Umgang mit Krankheit angeht, ein großes Vorbild.


Köln, Februar 2005